Der Atem

Den Atem natürlich fließen lassen, ohne anfangs mehr zu tun, als ihn immer mal wahrzunehmen und dann wieder zu vergessen. Im Qi Gong und Tai Chi vertieft sich durch das Zusammenspiel von Ruhe, Haltung, fließender Bewegung und Vorstellungskraft der Atem von allein. Ziel ist sanfter, gleichmäßiger, feiner Atem, der sich im ganzen Körper verteilt.

Lasse während des Übens den Atem durch die Nase ein- und ausströmen.

Wenn man einige Zeit Qi Gong/Tai Chi geübt hat, wird man häufiger die natürliche Bauchatmung wahrnehmen können, ohne dass man bewusst etwas dafür tut. Diese Art der Atmung wirkt beruhigend auf die Nerven, massiert innerlich alle Organe, fördert die Verdauung und verbessert die Sauerstoffversorgung des Körpers.

Denke immer an Weite, Wasser, Wellen, an ausgedehnte Landschaften. Lausche deinem Atem wie dem Meer oder einem Fluss.

Eine zu starke Konzentration auf die Atmung verhindert die Zentrierung.

Aus dem Buch „Medizinisches Qigong“, Übersetzung von Li Lei und You Xinduan, Dr. Ehrich Wühr GmbH:

Regulierung der Atmung:
Die Regulierung der Atmung ist eine wirkungsvolle Methode, um das Zhen Qi (Wahres Qi) anzusammeln und seine gleichmäßige Zirkulation im Körper anzuregen. Sie harmonisiert den Qi- und Blutfluss und wirkt auf die inneren Organe wie eine Massage; zudem hilft sie zur geistiger Ruhe und körperlicher Entspannung. Die gebräuchlichen Methoden zur Regulierung der Atmung werden wie folgt beschrieben:

A. Natürliche Atmung
Man atmet natürlich, ungezwungen und ohne die Atemzüge willentlich zu Beeinflussen. Dabei führt man entweder eine Brust- oder eine Bauchatmung durch oder vermischt beide Atemformen.

B. Orthodrome Atmung
Während sich bei der Einatmung die Zwerchfellmuskulatur nach unten senkt, soll sich der Bauch vorwölben; dementsprechend hebt sich die Zwerchfellmuskulatur bei der Ausatmung, der Bauch zieht ein.

C. Paradoxe Bauchatmung
Diese Atemform entspricht einer Umkehrung der vorherigen: Während der Einatmung sollen sich die Zwerchfellmuskulatur heben und der Bauch einziehen, während der Ausatmung sich die Zwerchfellmuskulatur senken und der Bauch sich verwölben.

D. Periodische intermittierende Atmung
Hierbei folgt jeder Ein- und Ausatmung jeweils eine kurze Pause; diese Atmungsform wird häufig in Kombination mit der orthodromen Bauchatmung zur Behandlung von Erkrankungen des Verdauungstrakts eingesetzt.

E. „Windgeräusch“ -Atmung
Bei dieser Atmungsform soll man durch die Nase atmen und den eigenen Atem wie das Rauschen des Windes hören. Man atmet in einem Rhythmus zweier aufeinander folgender, relativ kurzer Einatmungen und einer anschließenden, längeren Ausatmung (kurze Einatmung – kurze Einatmung – längere Ausatmung).

F. Nasen-Einatmung, Mund-Ausatmung
Diese Atmungsform, bei der durch die Nase ein- und durch den Mund ausgeatmet wird, eignet sich für die Behandlung von Erkrankungen des Respirationstrakts.

G. Wortassoziierte Atmung
Man atmet durch die Nase ein und durch den Mund aus, und spricht dabei im Stillen bestimmte Wörter oder Sätze.

H. „Fußsohlen“ -Atmung
Begleitet von tiefen Atemzügen sendet man Qi gedanklich zum Akupunkturpunkt Yonquan (N1) unter den Fußsohlen.

I. Atmungsform des „Kleinen Himmlischen Kreises“.
Im Zusammenspiel mit der Atmung leitet man Qi gedanklich in einem Kreis aus bestimmten Akupunkturpunkten und Körperzonen: bei Einatmung von Baihui (Du 20) zu Shanzhong (Ren 17) weiter zu Dantian und dann zu Hui-yin (Ren1); bei Ausatmung von Huiyin (Ren1) zu Weigu (Steißbein) und über Jiaji (Wirbelsäule) zu Yuzhen (B9) und zurück zu Baihui (Du20).

J. Atmungsform des „Öffnens und Schließens“.

Diese Methode nennt sich auch „Körper-Atmung“ oder „Schweißporen-Atmung“: Man konzentriert den Geist auf Dantian und stellt sich vor, dass sich während der Ausatmung alle Schweißporen öffnen (mit Ausnahme derer des Kopfes) und dass sie sich schließen, während man einatmet.

Für die Durchführung aller aufgeführten Atmungsformen gilt:
Bevor man mit der gewählten Methode beginnt, atmet man durch den Mund aus und stellt sich vor, dass alles „trübe“ Qi, das sich im Körper angesammelt hat und die Meridiane blockiert, mit der Ausatmung den Körper verlässt. Dann atmet man dreimal tief durch und versucht bewusst nachzuempfinden, wie sich der Körper mit frischer Luft anfüllt. Anschließend führt man 10 – 20 Minuten lang die jeweilige Atmungsform durch und kehrt am Ende der Übung zur natürlichen Atmung zurück.

 


Der Mönch Tiang Liang. Abt des Wudang Klosters/China. Lehrer von Detlef Just